Filz, Gummi und viel Luft: So entwickeln Firmen einen Tennisball

Einen Tennisball zu entwickeln, dauert mehrere Jahre. Das überrascht auf den ersten Blick. Doch jeder Hersteller verfolgt eine Strategie, den Tennisball so komfortabel wie möglich zu gestalten. Wo liegt also das Geheimnis? Wir haben mit Wilson gesprochen.

Die Herstellung vom Tennisball: So lange dauert die Entwicklung von Tennisbälle

Von Tillmann Becker-Wahl, Illustration: Oona

Ein Tennisball ist gelb, rund – und aus Filz. Worin sollen sich die Tennisbälle verschiedener Marken also groß unterscheiden? 2019 jedenfalls löste ein Tennisball-Wechsel vor den Australian Open großes Entsetzen aus: „Als ich hörte, dass nun statt Wilson Tennisbälle von Dunlop zum Einsatz kommen, dachte ich: Oh Gott, oje“, sagte niemand geringeres als Roger Federer. Haben Tennisprofis einfach nur eine Schwäche für ihre Lieblingsbälle – oder unterscheiden sich Tennisbälle tatsächlich spürbar voneinander?

Fest steht: Auf dem Tennismarkt gibt es schier unendlich viele Tennisbälle. Hierbei möchte der US-amerikanische Sportartikelhersteller Wilson herausstechen. Das Unternehmen aus Chicago hat einen grundlegend neuen Tennisball entwickelt – und möchte so langfristig für mehr Nachhaltigkeit im Tennis sorgen. Für uns ist das ein Grund, einmal mit Wilson über die Unterschiede verschiedener Tennisbälle und deren Entwicklung zu sprechen.


Inhaltsverzeichnis:

Jetzt gibt es nachhaltige Tennisbälle
Die ITF reglementiert den Tennisball
Die Entwicklung eines Tennisballs dauert durchschnittlich drei Jahre
Der Filz kommt aufs Gummi: So sieht die Produktion eines Tennisballs aus


Als 1972 der Internationale Tennisverband (ITF) entschied, den Ball zukünftig mit gelben statt weißem Filz zu ummanteln, war das für viele Zuschauer die größte Revolution des Tennisballs aller Zeiten. Ausschlaggebend für diese Entscheidung war, dass ein gelber Ball im Fernsehen einen besseren Kontrast versprach. Die Turnierveranstalter zogen mit. Lediglich die Veranstalter der Wimbledon Championships weigerten sich – und änderten erst 1986 die Farbgebung der Tennisbälle von weiß auf gelb.

Was viele jedoch nicht wissen: Tennisbälle unterschieden sich schon damals merklich. Zumindest die Profis spürten die Unterschiede. Und das, obwohl die ITF bereits früh Richtlinien festlegte, an denen sich die Tennisball-Hersteller bis heute zu halten haben. Die Spielregeln sind eng – und dennoch in ihren Grenzen variabel. „Die Bälle unterscheiden sich beim Filz, dem Kern und ihrer Verpackung“, schreibt Wilson auf Anfrage. „Das sind die Hauptunterschiede.“

Die Folge: Nicht nur Hobbyspieler, auch Profis müssen sich bei verschiedenen Turnieren auf verschiedene Tennisbälle von verschiedenen Marken einstellen. In Wimbledon stellt seit 1902 der britische Sportartikelhersteller Slazenger die Filzkugeln. Bei den US Open ist hierfür seit 1978 Wilson verantwortlich. In Frankreich und Australien sieht das anders aus: Hier kam es in den vergangenen Jahren immer wieder zum Ballwechsel. Die Verantwortlichen der French Open tauschten die Tennisbälle zuletzt 2020 – von Babolat zu Wilson.

Dass solche Marken-Wechsel im Tennis nicht geräuschlos über die Centre Courts gehen, verwundert nicht. Immer wieder betonen Profis, dass für sie die Bälle das Wichtigste in ihrem Sport sind. So verbrauchen Profis während eines zweiwöchigen Grand-Slam-Turniers etwa 50.000 Tennisbälle. Kein Wunder, schließlich bekommen die Spielerinnen und Spieler während einer Partie alle neun Spiele neue Bälle.

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Jetzt gibt es nachhaltige Tennisbälle

Der Verbrauch von Tennisbällen ist riesig, nicht nur bei den Profis – auch bei vielen Hobbyspielern. Am Ende einer Tennis-Saison landen weltweit bis zu 400 Millionen Bälle im Müll, etwa zwölf Millionen davon in Deutschland. Nachhaltig ist anders. Und genau das möchte Wilson ändern: mit einem nachhaltigen Kreislauf.

Deshalb starteten die US-Amerikaner 2012 ihr Tennisball-Projekt Triniti*. Neben dem Thema Nachhaltigkeit standen hierbei die Performance und die Langlebigkeit des Balls im Fokus. Ziel war es, einen leistungsstarken Innendruckball zu produzieren, den sie in einer drucklosen Papierdose verpacken können. Eine echte Innovation im Tennis. Denn bislang waren alle Innendruckbälle in luftdichten Plastikröhren verstaut.

„Unser Triniti-Ball ist ein gutes Beispiel dafür, wie wir Dank Innovationen einen performance-orientierten Innendruckball in einer drucklosen Dose verkaufen können“, schreibt Wilson. Doch wie entwickeln Hersteller eigentlich Tennisbälle in einer Welt des Tennis, in der die ITF den Tennisball vorgibt? Um das zu verstehen, haben wir uns einen Tennisball einmal genauer angesehen.

Die ITF reglementiert den Tennisball

Gelb und rund – so beschreiben wohl die allermeisten Fans einen Tennisball auf den ersten Blick. Doch hinter der Filzoberfläche verbirgt sich so mancher Unterschied. Fakt ist: Tatsächlich darf ein Tennisball auch heute noch in weiß zur Welt kommen. In der Tennis-Realität passiert das allerdings nur in Ausnahmefällen. Doch egal, ob gelb oder weiß: das Gewicht und den Durchmesser eines Balls hat die ITF klar definiert – und lässt so den Herstellern einen kleinen Spielraum.

Laut dem Tennisweltverband muss ein Tennisball zwischen 56,7 und 58,5 Gramm wiegen und im Durchmesser zwischen 6,54 und 6,86 Zentimeter groß sein. Auch der Aufbau der Tennisbälle ist – im Prinzip – gleich: Unter der Filzschicht liegt ein Gummikern, der entweder mit Luft oder Gas gefüllt ist. Vor allem der Kern hat einen grundlegenden Einfluss auf die Spieleigenschaften des Balls, insbesondere auf das Gewicht, die Ballbeschleunigung und das Sprungverhalten. Genau jene Aspekte sind es, die vor allem Profis direkt auffallen.

Kein Wunder: Denn so sind es die kleineren Bälle, die aufgrund des geringeren Luftwiderstands schneller beschleunigen und die schwereren Bälle, bei denen die Sprungkraft geringer ist.

Besonders die Sprungkraft ist ein wichtiges Kriterium der ITF, um einen Tennisball offiziell zuzulassen. Qualitätstester des Verbands lassen den Ball aus einer Höhe von 2,54 Meter auf eine ebene, harte Fläche fallen. Nach dem Aufkommen muss der Ball zwischen 1,35 und 1,47 Meter hochspringen. Passiert das nicht, erhält der Tennisball keine Zulassung.

In der Welt der Profi-Tour und ambitionierten Hobbyspieler dominieren dabei Tennisbälle mit Innendruck: die Inndruckbälle. Diese haben eine bessere Performance und bieten den Spielerinnen und Spielern ein besseres Spielgefühl im Vergleich zur zweiten Variante – den drucklosen Tennisbällen. Letztere haben einen dickeren Gummikern, was den Ball zwar länger haltbar, jedoch gleichzeitig auch schwerer macht. Dadurch fliegt der drucklose Tennisball langsamer über den Platz. Vor allem deswegen ist solch ein Ball im Training von Tennis-Neulingen geeignet.

Tennis mit bunten Bällen: Kinder-Training mit Methodikbällen

Für Kinder kommen in den Tennis-Anfangsmonaten noch andere Tennisbälle zum Einsatz: die sogenannten Methodikbälle. Diese unterscheiden sich nicht nur vom Aussehen, sondern auch vom Innendruck. Während Stage 1-Tennisbälle einen reduzierten Druck von 25 Prozent haben, sind Stage 2-Tennisbälle um 50 Prozent druckreduziert. Stage 3-Bälle haben gar 75 Prozent weniger Druck. Diese unterschiedlichen Stage-Kategorien sollen helfen, Kindern den Einstieg ins Tennis zu erleichtern.

Ob der Spieler nun mit einem drucklosen Ball oder einen Innendruckball Tennis spielt, eines ist klar: Auf Ascheplätzen nutzen sich Tennisbälle prinzipiell stärker ab. Der Grund: Die größere Reibung des Sands belastet die Filzummantelung des Balls stärker. Deswegen unterscheiden sich Hartplatz- und Sandplatzbälle vor allem in der Stärke ihres Filzes.

Klar wird: Trotz der Beschränkungen der ITF können sich die Hersteller von Tennisbällen innerhalb dieser Grenzen austoben. Und das tun sie. Die Folge: Es gibt immer neue Tennisbälle, die es teilweise ermöglichen, Tennis aus einem anderen Blickwinkel zu betrachten – so, wie es mit dem Wilson Triniti* gelingen soll.

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Die Entwicklung eines Tennisballs dauert durchschnittlich drei Jahre

Die US-Amerikaner stützen sich bei der Entwicklung nicht nur auf ihr eigenes Wissen – sondern fragen ihre Kunden und mehrere Tennisprofis. „Wir versuchen ihr Feedback in unserem Innovation Centre in Chicago zu nutzen, um den perfekten Ball zu entwickeln“, schreibt Wilson.

Dass dieser Prozess kein schneller ist, zeigt das Beispiel des Triniti-Balls. 2012 starteten die US-Amerikaner mit ihrem nachhaltigen Tennisball, Ende 2019 stellten sie ihn schließlich offiziell vor. Sieben Jahre Entwicklung machen deutlich, wie ernst Wilson die Herstellung des ersten nachhaltigen Balls war. Durchschnittlich nämlich dauert dieser Prozess etwa drei Jahre, wie der Sportartikelhersteller verrät.

Um Wilsons Nachhaltigkeitsziel zu erreichen, waren gleich drei Innovationen nötig. Der sogenannte Engage Core besteht aus einem leichten Kernmaterial, dem Plastomaterial. Dadurch konnte Wilson die Dicke des Kerns im Vergleich zu einem herkömmlichen Tennisball erhöhen. Die Folge: Der Triniti soll von der Schlägersaite einfacherer zurückprallen und auf dem Platz eine gleichmäßigere Sprungkraft garantieren. Auf diesem Weg habe Wilson die Haltbarkeit des Balls um das Vierfache steigern können. Durch den verringerten Verschleiß müssten Spielerinnen und Spieler den Tennisball also seltener wechseln – und mit ihm länger Tennis spielen können.

In die gleiche Kerbe soll auch der neu entwickelte, sogenannte STR-Filz schlagen: ein dickerer Strech-Filz, der bis zu 50 Prozent flexibler als ein herkömmlicher Tennisfilz sein soll. „Spielerinnen und Spieler haben mit ihm mehr Gefühl, wenn sie den Ball treffen“, schreibt Wilson auf der Unternehmenswebseite. Durch diesen dickeren Filz hätten die US-Amerikaner ebenfalls die Langlebigkeit gesteigert, heißt es.

Wilson entwickelt eine umweltfreundliche Dose für Tennisbälle

Nur die aufeinander abgestimmte Kombination aus Filz und Kern, so teilt Wilson mit, sorge am Ende auch für das gewünschte Ergebnis. Doch die Langlebigkeit des Balls allein war dem Sportartikelhersteller nicht genug.

Um dem Anspruch eines nachhaltigen Tennisballs vollends gerecht zu werden, haben sie für den Triniti die Vakuum-Dose aus Plastik abgeschafft. „Der neue Kern hat es ermöglicht“, schreibt Wilson, dass ein Innendruckball in einer drucklosen Papierdose im Geschäft steht. Wilson verspricht, dass diese Dose vollständig recycelbar ist.

Doch damit nicht genug: Der US-amerikanische Sportartikelhersteller stellt gemeinsam mit einem Kooperationspartner in den Tennisvereinen speziell angefertigte Papiertonnen auf. In diese können die Spieler die aussortierten Triniti-Tennisbälle* entsorgen. Wilson und der Kooperationspartner sammeln die vollen Tonnen ein – und schenken den Bällen damit ein zweites Leben: Die Tennisbälle werden recycelt und in Schuhsohlen oder neue Tennisplätze verarbeitet.

Der Filz kommt aufs Gummi: So sieht die Produktion eines Tennisballs aus

Trotz der Innovationen: Die Herstellung des Tennisballs selbst hat sich nicht groß verändert – und ist aufgrund der hohen Anforderungen der ITF extrem aufwendig. Bereits während der Produktion kontrollieren die Tennis-Marken die Qualität ihrer Tennisbälle. „Wir holen uns so viel Feedback wie möglich ein – indem wir unsere Produkte auf der ganzen Welt testen lassen“, schreibt Wilson.

Doch bevor die ersten Tennisbälle aus den Produktionshallen rollen, müssen die Hersteller die einzelnen Bestandteile des Balls in einem komplexen Verfahren zusammenführen. Kurz: Der Filz muss aufs Gummi.

Dabei bildet ein Gummigemisch den Kern eines jeden Tennisballs. Diesem meist aus Naturkautschuk bestehenden Kern mischen die Tennis-Marken bis zu zwölf weitere Substanzen zu. Steht das Gummirezept, erwärmen Maschinen dieses Gemisch. Rohlinge entstehen. Aus diesen formen die Hersteller halbkugelförmige Schalen. Um zwei dieser Halbkugeln zusammenzukleben, glätten Wilson*, Babolat, Dunlop, Head oder andere Hersteller die Kanten mit Schmirgelpapier und bestreichen diese anschließend mit Klebstoff.

Währenddessen pumpen hydraulische Pressen komprimierte Luft in die Halbkugeln der späteren Tennisbälle. Ist der gewünschte Druck erreicht, verschmelzen die Halbkugeln zu einer Einheit: die Geburt des Kerns.

Vom Trockner in die Dose

Nun geht es darum, den Filz mit dem Gummi zu verheiraten. Dafür schneidet eine Maschine die Filzbahnen in Stücke, die in ihrer Form an Hundeknochen erinnern. Damit der zurechtgeschnittene Filz auf dem Gummikern der Tennisbälle haften kann, raut eine Maschine mit Schmirgelpapier die Oberfläche des Kerns auf. Eine sogenannte Trommellackierung trägt anschließend einen Klebstoff auf Gummibasis gleichmäßig auf den Kern auf.

Danach legt eine weitere Maschine die zwei Filzknochen um den Gummikern. Eine hydraulische Presse erwärmt den ummantelten Ball. Dabei verschmelzen die zwei Filzstücke mit dem Kern und es entsteht die typisch weiße Klebenaht der Tennisbälle.

Da dieser vorgelagerte Prozess den Filz jedoch plattgedrückt hat, kommen die Tennisbälle in einem letzten Schritt in einen Trockner. Dieser bedampft die Bälle – und der Filz bauscht sich auf.

Erst jetzt rollen die Tennisbälle aus den Produktionshallen: hinein in die typische Dose. Meist ist diese eine vakuumierte Dose aus Plastik. Eine Ausnahme hierbei bietet bekanntlich unter anderem Wilson: In einer Dose aus Papier liefern sie ihre Triniti-Tennisbälle auf die heimischen Tennisplätze.

Tennisball Entwicklung Firmen

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